Aus islamischer Sicht ist das Verhalten im öffentlichen Raum, wie auf den Straßen des alten Damaskus, von großer Bedeutung und wird durch den Koran und die Sunnah des Propheten Muhammad (ﷺ) geleitet. Es umfasst Prinzipien der Bescheidenheit, des Respekts vor anderen und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die von Gelehrten detailliert ausgelegt wurden. ---
Einführung
Der Islam ist eine umfassende Lebensweise, die nicht nur das individuelle Gebet und die spirituelle Entwicklung umfasst, sondern auch detaillierte Anweisungen für das soziale Miteinander und das Verhalten im öffentlichen Raum. Die Art und Weise, wie ein Muslim sich in der Gemeinschaft bewegt, spricht und kleidet, spiegelt seine Frömmigkeit und sein Verständnis der islamischen Lehren wider. Der Koran und die Sunnah des Propheten Muhammad (ﷺ) legen großen Wert auf Adab (Etikette) und Akhlaq (Charakter), die auch auf den belebten Straßen einer historischen Stadt wie dem alten Damaskus Anwendung finden.
Allah (SWT) sagt im Quran:
> "Und gehe nicht übermütig auf der Erde umher; denn Allah liebt keinen eingebildeten Prahler." (Quran 31:18)
Dieser Vers, obwohl er sich auf allgemeine Arroganz bezieht, legt den Grundstein für eine bescheidene und würdevolle Haltung im öffentlichen Leben. Er erinnert uns daran, dass jede unserer Handlungen im öffentlichen Raum von Bedeutung ist und unsere innere Haltung widerspiegelt. In diesem Artikel werden wir die islamischen Richtlinien für das Gehen in der Öffentlichkeit, die Bescheidenheit und den Respekt, wie sie von islamischen Gelehrten aus dem Koran und der Sunnah abgeleitet wurden, detailliert untersuchen. Wir werden die grundlegenden Prinzipien, die Meinungen der Gelehrten und praktische Anwendungen für Muslime aufzeigen, die sich in modernen oder historischen städtischen Umgebungen bewegen.
Quranische Grundlage
Der Heilige Koran liefert die fundamentalen Prinzipien für das Verhalten eines Muslims in der Öffentlichkeit. Diese Prinzipien umfassen Bescheidenheit, Respekt und die Vermeidung von Unheil. Eines der prominentesten Konzepte ist das des "Senkens des Blicks" (ghadd al-basar), das sowohl für Männer als auch für Frauen gilt und eine Säule der islamischen Etikette darstellt.
Allah (SWT) sagt im Koran:
> "Sag den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten. Das ist lauterer für sie. Gewiß, Allah ist dessen Kundig, was sie machen." (Quran 24:30)
> "Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was davon sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Brust schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer ihren Ehemännern oder Vätern oder den Vätern ihrer Ehemänner oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehemänner oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder denen, die ihre rechte Hand besitzt, oder den männlichen Dienern, die keinen Geschlechtstrieb haben, oder den Kindern, die noch nichts von den Blößen der Frauen wissen. Und sie sollen ihre Füße nicht aneinanderschlagen, damit man weiß, was sie von ihrem Schmuck verbergen. Und wendet euch allesamt reumütig Allah zu, ihr Gläubigen, auf daß es euch wohl ergehen möge!" (Quran 24:31)
Diese beiden Verse sind von zentraler Bedeutung. Sie fordern Männer und Frauen auf, ihre Blicke zu senken, um sich vor unerwünschten Blicken zu schützen und die Gedanken rein zu halten. Die Tafsir (Exegese) dieser Verse erklärt, dass das Senken des Blicks nicht bedeutet, den Kopf zu Boden zu richten, sondern vielmehr, den Blick von dem abzuwenden, was verboten ist oder zu Fitna (Versuchung, Unruhe) führen könnte. Es geht darum, nicht bewusst und anhaltend auf das zu schauen, was sexuelle Begierden wecken oder unzüchtig sein könnte. Für Frauen wird zusätzlich die Anweisung gegeben, ihre Khumur (Kopftücher) über ihre Brüste zu schlagen, was die Bedeutung der umfassenden Bedeckung und Bescheidenheit im öffentlichen Raum unterstreicht.
Ein weiterer relevanter Vers betont die allgemeine Haltung der Bescheidenheit und Demut:
> "Und gehe nicht übermütig auf der Erde umher. Du wirst ja die Erde nicht zerreißen und die Berge an Höhe nicht erreichen." (Quran 17:37)
Dieser Vers mahnt zur Demut im Auftreten und in der Bewegung. Er lehnt Arroganz und Prahlerei ab, die sich auch in der Gangart äußern können. Ein Muslim sollte sich mit Würde und Bescheidenheit bewegen, ohne Aufsehen zu erregen oder Überheblichkeit zu zeigen. Die Gelehrten interpretieren dies als eine Mahnung, sich nicht mit Stolz und Hochmut zu bewegen, da dies Allah missfällt. Es ist ein Aufruf zu einer ruhigen, gelassenen und unaufdringlichen Präsenz im öffentlichen Leben.
Diese koranischen Anweisungen bilden die Grundlage für die islamische Etikette im öffentlichen Raum und werden durch die Lehren und die Praxis des Propheten Muhammad (ﷺ) weiter ausgeführt und konkretisiert.
Hadith und Sunnah
Die Sunnah des Propheten Muhammad (ﷺ) dient als praktische Auslegung und Ergänzung der koranischen Anweisungen. Sie bietet detaillierte Beispiele und Anweisungen für das Verhalten in der Öffentlichkeit, die von den Gelehrten über die Jahrhunderte hinweg studiert und gelehrt wurden.
Ein bekannter Hadith, der die Bedeutung des Senkens des Blicks unterstreicht, wird von Ali ibn Abi Talib (RA) berichtet:
> Der Gesandte Allahs (ﷺ) sagte zu Ali: "Oh Ali, laß nicht einem Blick einen weiteren Blick folgen, denn der erste (unbeabsichtigte) ist dir erlaubt, der zweite aber nicht." (Überliefert von Abu Dawud 2149, At-Tirmidhi 2777; als Hasan eingestuft)
Dieser Hadith verdeutlicht, dass ein unbeabsichtigter erster Blick, der auf etwas Verbotenes fällt, vergeben wird. Es ist jedoch die Pflicht des Muslims, den Blick sofort abzuwenden und nicht absichtlich weiterzuschauen. Dies zeigt die Wichtigkeit der Selbstbeherrschung und des Schutzes vor unerwünschten Gedanken und Begierden.
Die Sunnah betont auch die "Rechte des Weges" (haqq al-tariq). Abu Sa'id al-Khudri (RA) berichtete, dass der Prophet (ﷺ) sagte:
> "Hütet euch davor, auf den Straßen zu sitzen!" Sie sagten: "O Gesandter Allahs, wir können nicht anders, als uns dort zu versammeln und zu unterhalten." Der Prophet (ﷺ) sagte: "Wenn ihr darauf besteht, dann gebt dem Weg sein Recht." Sie fragten: "Was ist das Recht des Weges, o Gesandter Allahs?" Er sagte: "Das Senken des Blicks, das Entfernen von Schaden, das Erwidern des Grußes, das Gebieten des Guten und das Verbieten des Schlechten." (Sahih Bukhari 2465, Sahih Muslim 2121)
Dieser umfassende Hadith ist eine zentrale Richtlinie für das Verhalten im öffentlichen Raum. Er lehrt uns, dass der öffentliche Weg nicht nur ein physischer Raum ist, sondern auch eine moralische und soziale Verantwortung mit sich bringt:
1. Senken des Blicks (ghadd al-basar): Wie bereits im Koran erwähnt, ist dies grundlegend, um sich und andere vor Versuchung zu schützen.
2. Entfernen von Schaden (kaff al-adha): Dies beinhaltet physischen Schaden (z.B. Hindernisse vom Weg räumen) sowie verbalen oder emotionalen Schaden (z.B. Beleidigungen, Belästigung).
3. Erwidern des Grußes (radd as-salam): Eine grundlegende Form des Respekts und der Höflichkeit, die die soziale Bindung stärkt.
4. Gebieten des Guten und Verbieten des Schlechten (amr bil-ma'ruf wa nahy anil-munkar): Dies ist eine kollektive Pflicht der muslimischen Gemeinschaft, die im Rahmen der individuellen Möglichkeiten und Weisheit ausgeführt werden sollte.
Diese Anweisungen des Propheten (ﷺ) sind zeitlos und können auf die Straßen des alten Damaskus ebenso angewendet werden wie auf jede moderne Stadt. Sie fördern eine Atmosphäre des Respekts, der Sicherheit und der gegenseitigen Fürsorge in der Gemeinschaft. Die Lebensweise des Propheten (ﷺ) selbst war ein lebendiges Beispiel dieser Prinzipien; er war bekannt für seine Bescheidenheit, seine Freundlichkeit und seine Rücksichtnahme auf andere, selbst in den belebtesten Situationen.
Scholarly Perspectives (Gelehrtenmeinungen)
Die islamischen Gelehrten haben die koranischen Verse und Hadithe über Jahrhunderte hinweg eingehend studiert und detaillierte Auslegungen und Anwendungen für das Verhalten im öffentlichen Raum entwickelt. Ihre Interpretationen bilden die Grundlage für das Verständnis und die Praxis der islamischen Etikette.
Klassische Gelehrte wie Imam An-Nawawi in seinem Werk Riyad as-Salihin oder Ibn Kathir in seinem Tafsir al-Quran al-Azim betonen die umfassende Natur der islamischen Bescheidenheit und des guten Benehmens. Sie legen dar, dass das Senken des Blicks nicht nur eine physische Handlung ist, sondern auch eine spirituelle Dimension hat, die darauf abzielt, das Herz vor unerwünschten Gedanken und Begierden zu schützen. Sie interpretierten die Anweisungen des Propheten (ﷺ) zum "Recht des Weges" als eine Verpflichtung, die über die bloße Abwesenheit von Schaden hinausgeht und aktive Beiträge zur Förderung des Guten und zur Verhinderung des Schlechten in der Gesellschaft einschließt.
Die Gelehrten aller Rechtsschulen (Madhahib) – Hanafi, Maliki, Shafi'i und Hanbali – sind sich im Konsens (Ijma) darüber einig, dass Bescheidenheit (haya') und gutes Benehmen (adab) wesentliche Bestandteile des islamischen Charakters sind und im öffentlichen Raum besonders wichtig sind. Sie haben jedoch auch nuancierte Diskussionen über die Grenzen und Definitionen geführt. Zum Beispiel diskutierten sie, was genau unter "Schmuck, der sichtbar ist" (Quran 24:31) fällt, wobei einige Gelehrte dies als Gesicht und Hände interpretierten, während andere eine strengere Auslegung vertraten, die eine vollständige Bedeckung fordert. Diese Unterschiede in der Auslegung zeigen die Vielfalt des islamischen Denkens, ohne die Kernprinzipien der Bescheidenheit und des Respekts in Frage zu stellen.
Zeitgenössische Gelehrte wie Sheikh Yusuf al-Qaradawi oder Sheikh Muhammad ibn Salih al-Uthaymeen haben diese klassischen Prinzipien auf die Herausforderungen der modernen Welt angewendet. Sie betonen, dass die Essenz der islamischen Etikette – die Förderung von Anstand, Würde und sozialer Harmonie – in jeder Umgebung relevant bleibt, sei es im alten Damaskus oder in einer globalisierten Metropole. Sie warnen davor, die äußeren Formen der Bescheidenheit zu vernachlässigen, aber auch davor, sich zu sehr auf äußere Erscheinungen zu konzentrieren, während die innere Reinheit und die Absicht vernachlässigt werden. Das Gehen in der Öffentlichkeit sollte eine Handlung der Ibadah (Gottesdienst) sein, bei der man Allahs Gebote befolgt und ein gutes Beispiel für andere ist. Die Maqasid al-Sharia (Ziele der Scharia), wie der Schutz der Religion, des Lebens, des Verstandes, der Nachkommenschaft und des Eigentums, werden durch die Einhaltung dieser Etikette im öffentlichen Raum gefördert und geschützt.
Praktische Guidance (Praktische Anleitung)
Das Gehen auf den Straßen, sei es im historischen Damaskus oder in einer modernen Stadt, bietet zahlreiche Gelegenheiten, islamische Prinzipien in die Tat umzusetzen. Hier sind praktische Schritte und Überlegungen für Muslime:
1. Senken des Blicks: Dies ist die grundlegendste Anweisung. Üben Sie sich darin, Ihren Blick zu kontrollieren. Wenn Ihr Blick unbeabsichtigt auf etwas Unangemessenes fällt, wenden Sie ihn sofort ab. Dies gilt für alle Geschlechter gleichermaßen und schützt vor Fitna (Versuchung) und unnötigen Sünden.
2. Bescheidene Kleidung: Kleiden Sie sich entsprechend den islamischen Richtlinien für Bescheidenheit (Hijab für Frauen, locker sitzende und nicht aufreizende Kleidung für Männer). Ihre Kleidung sollte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen oder als provokativ empfunden werden.
3. Würdevolle Gangart: Gehen Sie mit Demut und Würde, nicht mit Arroganz oder Stolz. Vermeiden Sie übermäßiges Lärmen oder auffälliges Verhalten. Eine ruhige und bescheidene Gangart ist ein Zeichen innerer Gelassenheit und Respekts vor der Umgebung.
4. Respekt vor anderen:
Gruß: Erwidern Sie den Salam*-Gruß, wenn er Ihnen entgegengebracht wird. Initiieren Sie den Gruß, wenn Sie jemanden treffen.
* Keinen Schaden zufügen: Stellen Sie sicher, dass Sie niemanden behindern, belästigen oder schädigen, sei es physisch oder verbal. Halten Sie den Weg frei, werfen Sie keinen Müll und vermeiden Sie laute Gespräche oder Musik, die andere stören könnten.
* Privatsphäre respektieren: Vermeiden Sie es, in die Häuser oder Geschäfte anderer zu spähen oder neugierig zu sein.
5. Gutes gebieten und Schlechtes verbieten: Wenn Sie Zeuge von Ungerechtigkeit oder offensichtlichem Fehlverhalten werden, versuchen Sie, dies auf weise und sanfte Weise zu korrigieren, wenn Sie dazu in der Lage sind und es keine größere Gefahr für Sie darstellt. Dies sollte immer mit Hikmah (Weisheit) und Maw'itha Hasana (guter Ermahnung) geschehen.
6. Sauberkeit und Hygiene: Tragen Sie zur Sauberkeit der öffentlichen Räume bei, indem Sie keinen Müll wegwerfen und auf Ihre persönliche Hygiene achten.
7. Vermeidung von Müßiggang: Vermeiden Sie es, grundlos auf öffentlichen Wegen herumzusitzen und den Verkehr zu behindern oder unnötige Gespräche zu führen, die zu Klatsch und Tratsch führen könnten.
Häufige Missverständnisse und Warnungen:
Einige missverstehen das Senken des Blicks als eine Form der sozialen Isolation oder Unsicherheit. Im Gegenteil, es ist eine Handlung der Stärke und Selbstkontrolle, die es dem Muslim ermöglicht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Es bedeutet nicht, den Kontakt zu anderen zu vermeiden, sondern ihn auf eine respektvolle und angemessene Weise zu gestalten. Es ist auch wichtig, nicht in Arroganz zu verfallen, indem man andere für ihr Verhalten verurteilt, sondern sich zuerst auf die eigene Verbesserung zu konzentrieren.
Fazit
Das Gehen auf den Straßen des alten Damaskus, oder jeder anderen Stadt, ist für einen Muslim mehr als nur eine physische Bewegung; es ist eine Gelegenheit, die Lehren des Islam in die Praxis umzusetzen. Der Koran und die Sunnah des Propheten Muhammad (ﷺ) bieten einen klaren Rahmen für Adab (Etikette) im öffentlichen Raum, der auf Bescheidenheit, Respekt, sozialer Verantwortung und dem Schutz vor Unheil basiert.
Die Anweisungen zum Senken des Blicks, zur bescheidenen Kleidung, zur würdevollen Gangart und zur Einhaltung der "Rechte des Weges" sind zeitlose Prinzipien, die von islamischen Gelehrten über die Jahrhunderte hinweg bestätigt und detailliert ausgelegt wurden. Sie fördern nicht nur die individuelle Frömmigkeit, sondern tragen auch maßgeblich zur Schaffung einer harmonischen, sicheren und moralisch integren Gesellschaft bei. Möge Allah (SWT) uns die Kraft und Weisheit geben, diese edlen Lehren in unserem täglichen Leben umzusetzen und somit ein gutes Beispiel für unsere Umgebung zu sein.
Allahumma inni as'aluka al-huda wa at-tuqa wal-'afafa wal-ghina.
(O Allah, ich bitte Dich um Rechtleitung, Frömmigkeit, Keuschheit und Genügsamkeit.)
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